(de) FdA-IFA, Gai Dào #33 - Anarchismus in Spanien: 125 Jahre „Tierra y Libertad“ -- Von: Héctor Valdervira und Alfredo Gónzalez / Übersetzung: jt (afb)

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Sat Sep 21 11:37:52 CEST 2013


Anm. der Redaktion: Mit der aktuellen Juliausgabe (Nr. 300) von Tierra y Libertad jährt 
sich die Existenz dieser bedeutenden spanischen und aktuellen Zeitung der FAI (Iberischen 
Anarchistischen Föderation) zum 125. Mal. ---- Wir reproduzieren hier einen aus dem 
Spanischen übersetzten Artikel der Jubiläumsausgabe, der die Geschichte dieses Mediums 
Revue passieren lässt. ---- 125 Jahre Verbreitung anarchistischer Ideen ---- Die Zeitung 
Tierra y Libertad wurde 1888 in Barcelona gegründet. ---- Sie begann als Wochenzeitung, 
aber mit der Zeit änderte sich auch ihr Erscheinungsrhythmus. Während einer kurzen Phase 
kam sie gar täglich heraus und wurde dadurch zur ersten Tageszeitung des spanischen 
Anarchismus. Manchmal in klandestiner Form herausgebracht, hat sie in den vergangenen 125 
Jahren nie aufgehört, die Ideen des Anarchismus zu verbreiten.

Die Ausgabe, die du in der Hand hältst, ist die Nummer 300 der jüngs-
ten Etappe, die vor etwa 36 Jahren begann. Wir wollten die Gelegen-
heit daher nicht versäumen, zu diesem Anlass eine kurze Bilanz der
Geschichte unserer Zeitung während dieser Zeit zu ziehen, nämlich
seit dem Ende der franquistischen Diktatur und der Wiedereinset-
zung der Monarchie.

Während der franquistischen Diktatur leidet der Anarchismus un-
ter einer fürchterlichen Repression: Folter, Gefängnis, Erschießun-
gen. Dennoch kämpfen die Aktivist*innen weiter und verteilen
ihre Propaganda, insbesondere durch Flugblätter und Zeitungen.
Darunter sticht die Tierra y Libertad hervor, die in verschiedenen
Phasen erscheint, immer im Inland produziert. Gleichzeitig geben
Genoss*innen im mexikanischen Exil seit 1944 monatlich eine Zei-
tung mit dem identischen Logo heraus, dazu gedacht, Propaganda auf
dem amerikanischen Kontinent zu betreiben. Dieses Projekt überlebt
bis in die 1980er Jahre.

In den letzten Jahren der Diktatur kommt es, unter anderem, zu einer
Reorganisierung der anarchistischen Bewegung. Die verschiedenen
Gruppen fangen an dauerhafte Beziehungen und stabilere Strukturen
aufzubauen. In Madrid entsteht beispielsweise eine Anarchistische
Föderation der Stadtviertel, die sich aus lokalen Stadtteilgruppen zu-
sammensetzt. Daneben existieren auch Affinitätsgruppen.

Es wird darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, die CNT wiederzu-
beleben. Nach vielen Debatten wird schließlich entschieden, es tat-
sächlich zu tun, was dann mit anderen mehr oder weniger libertären
Gruppen umgesetzt wird.

Die spezifisch anarchistischen Gruppen, die sich dessen bewusst
sind, dass die CNT auf gewerkschaftlichem Gebiet aktiv sein würde
und es daher erforderlich sein wird, in anderen Feldern tätig zu wer-
den, beginnen sich zu vernetzen. Am 30. Januar 1977 wird in Barce-
lona die Konferenz zum Neuaufbau der Iberischen Anarchistischen
Föderation FAI abgehalten. Aufgrund der Informationen von Spitzeln
sprengt die Polizei die Versammlung und verhaftet 54 Aktivist*innen.

Im Juli geben die Gruppen aus Katalonien die Nullnummer der neuen
Phase von Tierra y Libertad heraus. Im November des folgenden Jahres
wird die Herausgabe dann von der Föderation selbst übernommen.
Die Zeitung hat keinen festen Preis. Auf der Titelseite heißt es: „Die
Zeitung, die du in den Händen hältst, ist kein Konsumobjekt. Den
Preis bestimmst du selbst.“ Aus Sicherheitsgründen wird als Sitz von
Redaktion und Verwaltung eine Adresse in Frankreich angegeben.

Die libertäre Bewegung, und die CNT im Besonderen, wächst nach
allen Seiten hin. Dem großen Treffen, im März 1977 in San Sebas-
tián de los Reyes (Madrid), folgen weitere in ganz Spanien mit ebenso
vielen Teilnehmer*innen. Die beeindruckendste Zusammenkunft er-
folgt vermutlich in Montjuich (Barcelona) im Sommer 1977. Wochen
später werden in der Stadt die Libertären Tage gefeiert.

Der Vormarsch des Anarchismus scheint unaufhaltsam. Die CNT
weigert sich die sogenannten „Pakte von Moncloa“ zu unterzeichnen,
einem Abkommen zwischen Staat und Arbeitgeberseite zur Entwick-
lung eines neuen politisch-wirtschaftlichen Systems. Noch immer
leiden wir unter seinen desaströsen Folgen. Die Mächtigen beginnen
Sorge zu haben, dass die Libertären vielleicht ihre Pläne durchkreu-
zen könnten und greifen zum Mittel des Staatsterrorismus: Im Janu-
ar 1978 explodiert eine Bombe im Festsaal „Scala“ in Barcelona. Vier
Arbeiter*innen sterben (kurioserweise sind 3 CNT-Mitglieder darun-
ter). In der Folge kommt es zu einer Medienkampagne, die sich gegen
alles richtet, das auch nur den Anschein des Anarchismus hat.

Für die Explosion wird eine anarchistische Gruppe verantwortlich
gemacht, die Molotov-Cocktails geworfen haben soll. Der Provo-
kateur, der die Bombe gebastelt haben soll, verschwindet. Mehrere
Genoss*innen werden verhaftet und verbringen lange Jahre hinter
Gittern. Der lange Arm der Geheimdienste wird sichtbar. Das Bünd-
nis aus „demokratischen“ Kräften und Massenmedien machen nichts,
um die Geschehnisse aufzuklären, im Gegenteil; der eiserne Mantel
des Schweigens wird über die Anarchist*innen gelegt.

Im März desselben Jahres findet im italienischen Carrara ein Inter-
nationaler Anarchistischer Kongress statt. Die FAI schickt Delegierte
aus Spanien und Portugal dahin. Zu den vorherigen Kongressen wa-
ren Delegierte aus dem Exil angereist, die die organisativen Struktu-
ren aufrechterhalten hatten. Unter anderem wird über das Thema der
Gewalt debattiert.

Vom 8. bis 10. Dezember 1978 hält die FAI einen Kongress ab, in dem
sie über die soziale Situation in Portugal und Spanien diskutiert, Be-
schlüsse zur inneren Struktur verabschiedet sowie zu Formen und
Taktiken im politischen Kampf, wobei dem bewaffneten Kampf eine
Absage erteilt wird. Was Tierra y Libertad angeht, so wird der Cha-
rakter als Sprachrohr der gesamten Föderation betont. Es wird auch
über die Archive gesprochen, die in Amsterdam gelagert werden, die
Mitgliedschaft in der IFA wird bekräftigt und den Mitgliedern wird
empfohlen, gewerkschaftlich in de CNT aktiv zu werden. Diese Kon-
ferenz wird fortan als die „Konferenz der grünen Mappen“ gelten,
weil die Beschlüsse in Mappen eben dieser Farbe festgehalten wur-
den.

Tierra y Libertad kombiniert zu dieser Zeit Analyseartikel mit Nach-
richten und Kritiken am System.

Im Dezember 1979 findet der erste CNT-Kongress seit 1936 statt. Dabei
kommt es zur Spaltung: Die Anhänger*innen der Beteiligung an Be-
triebsratswahlen, der Führung bezahlter Posten, der Entscheidungs-
gewalt der Komitees und des Erhalts von Subventionen verlassen die
Organisation. Das einzige Problem dabei: Sie führen weiter den Na-
men CNT. Am Ende eines langen Streits, in dem schließlich auch die
Gerichte bemüht werden, müssen Spalterfraktion den Namen ihrer
Organisation ändern.

Im September 1980 findet ein weiterer Kongress statt. Angesichts des
unmittelbar drohenden Putsches, werden Infrastruktur und Strategie
der Föderation neu ausgerichtet.

Der Putsch ereignet sich schließlich am 23. Februar 1981 und wird
zu einem enormen Reinfall: Weder die Bourgeoisie noch andere
politisch-ökonomische Kräfte bedurften dieses Eingriffs. Das demo-
kratische System diente ihren Interessen weit besser, so dass sie ihr
Ausbeutungs- und Privilegienregime weiter fortsetzen konnten – na-
türlich mit der stillschweigenden Unterstützung der „linken“ Partei-
en und der „verantwortungsvollen“ Gewerkschaften

Die 80er Jahre geraten zu einem Testfeld für, das was den Kapitalis-
mus in den kommenden Jahren prägen würde: immense Korrupti-
on, Gewerkschaften, die dem System sklavisch ergeben sind, brutale
Ausbeutung, Diktatur der Märkte, Kriege niedriger Intensität ... Die
Zeitung berichtet über all dies. Ihre Anklagen werden jedoch als
übertrieben gebrandmarkt. Heute können wir sehen, wie zutreffen
die Analysen damals waren.

Im Herbst 1986 findet in Paris ein Internationaler Anarchistischer
Kongress statt. Es wird über die aktuellen Probleme debattiert: die
nationalen Befreieungskämpfe, die Politik der beiden Blöcke, die Mi-
litarisierung. Es werden aktuell anwendbare Perspektiven der sozia-
len Transformation und des anarchistischen Kampfes formuliert.

Im selben Jahr kommt es in der FAI zu einem internen Clash: ein
paar Gruppen beschließen, der Organisation einen legalen Rahmen
zu geben, ohne die anderen zu informieren. Als das herauskommt,
entscheidet eine Vollversammlung den Legalisierungsprozess nicht
anzuerkennen. Die beteiligten Gruppen, die nicht mit dem Votum der
Vollversammlung einverstanden sind, verlassen die Föderation (eine
ganze Zeit lang werden sie sich noch als „die FAI“ titulieren).

Für die Zeitung, die bis dahin in Madrid herausgegeben wurde, ist
von da an die Gruppe Libertad aus Castellón verantwortlich.

Im November 1987 überarbeitet eine Vollversammlung der FAI die
interne Struktur und Strategie und versucht sich allen Strukturen der
libertären Bewegung zu öffnen. Ab dem folgenden Januar wird die
Zeitung in Katalonien herausgegeben und sie erhält einen Richtpreis:
„Der Preis dieser Zeitung beträgt 30 Peseten. Alles darüber hinaus ist
dein Solidaritätsbeitrag.“

Am 9. November 1989 fällt die Mauer in Berlin und es beginnt der Zu-
sammenbruch des Ostblocks. Sie wechseln vom Staatskapitalismus
zum Privatkapitalismus. Im folgenden April gibt es in italienischen
Trieste ein Treffen von Anarchist*innen von beiden Teilen Europas.
Im November analysieren die Teilnehmer*innen des Internationalen
Anarchistischen Kongresses in Valencia die neue Weltsituation und
es werden gemeinsame Standpunkte zur Rolle der Anarchist*innen
in der Arbeiterbewegung beschlossen. Es werden organisative Fragen
diskutiert und ein neuer Assoziativer Pakt der IFA verabschiedet (der
bis heute Gültigkeit hat). Im Dezember wechselt die Redaktion der
Zeitung erneut nach Castellón, in die Hände der Gruppe Libertad.
Es wird ein neuer Preis festgelegt (65 Peseten) und es taucht zum ers-
ten Mal eine Postadresse und eine Bankverbindung in Spanien auf.
Später kommt auch noch eine ISSN-Nummer für Zeitschriften hinzu.
Im März 1991 wird eine vierseitige Postille auf Portugiesisch, Terra e
Liberdade, gedruckt, die fortan als Zeitung der portugiesischsprachi-
gen Gruppen in der FAI fungiert.
Im Oktober 1993 beschließt die FAI auf ihrem Kongress die neuen
Richtlinien der Zeitung: Sie hört auf, das Organ der FAI zu sein und
wird zu einer anarchistischen Zeitung, die von der Föderation her-
ausgegeben wird, die aber dem gesamten anarchistischen Spektrum
offensteht. Alle Artikel werden namentlich gekennzeichnet und es
gibt kein Editorial mehr. Außerdem beschließt die FAI ihre aktuell
gültigen Statuten und Prinzipienerklärung.

Im Mai 1995 wechselt die Redaktion nach Barcelona (zur Gruppe
Apoyo Mutuo), und im April 1997 nach La Puebla del Río (in Sevilla,
zur Gruppe Tea). Nach und nach bessert sich die Qualität der Zei-
tung, sowohl was die Artikel angeht als auch was die Aufmachung
betrifft. Die Auflage wird konstant erhöht, und auch die Zahl der
Abonnent*innen und Verteiler*innen steigt stetig. Darüber hinaus
wird die rote Farbe eingeführt – zunächst auf dem Umschlag, dann
auch im Innenteil.

Im Jahr 1997 versammelt sich in Lyon ein weiterer Internationaler
Kongress. Es werden die Mechanismen der Herrschaft und Ausbeu-
tung analysiert. Weitere Kongresse finden in Besançon (2004), Carra-
ra (2008) und dem schweizerischen Städtchen Saint-Imier (2012) statt,
wo der Anarchismus bewies, dass er sich nach 140-jähriger Existenz
weiter bester Gesundheit erfreut.

Seit Oktober 2000 ist die Redaktion der Zeitung Aufgabe der Gruppe
Albatros in Madrid. Seit dem hat es zwei größere Änderungen gege-
ben: Zunächst die Einführung der „Pinnwand“, wo über neue anar-
chistische Publikationen informiert wird, sowohl im Buch- als auch
im Zeitschriftenbereich. Die zweite Innovation besteht darin, dass
die Augustausgabe jeweils als Sonderausgabe herausgegeben wird,
wo es dann um Themen geht wie die Religionskritik, die internatio-
nalen anarchistischen Kongresse, die Geschichte des Anarchismus,
die libertäre Pädagogik usw.

Bei der Illustration der Titelblätter haben Künstler*innen wie Car-
los F. Fresneda, Mariella Bernardini und insbesondere Capi Vidal
mitgewirkt, der praktisch zu etwas wie unserem „offiziellen Titel-
seitengestalter“ geworden ist. Wir waren bestrebt, die hohe Qualität
der Artikel zu bewahren, um eine anarchistische Zeitschrift mit tief-
schürfenden Analysen zu sein.

Im September 2006 wird auf der Konferenz der FAI eine Übereinkunft
zum historischen Erbe der Föderation getroffen und das Historische
Archiv der FAI ins Leben gerufen, für das die Redaktionsgruppe ver-
antwortlich ist.

In den letzten Jahren haben wir uns viel mit den großen Aufständen
in aller Welt beschäftigt, von Kairo bis Rio de Janeiro, über Madrid
nach Istanbul. Eine Empörung, die viele libertäre Züge trägt.

Wir sind zuversichtlich, dass – solange weiter Ungerechtigkeit
herrscht – anarchistische Zeitungen wie Tierra y Libertad die Not-
wendigkeit einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Privilegien pro-
pagieren werden.
Es lebe die Anarchie!


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