(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – Wie vor hundert Jahren --- Des letzten Rätsels Lösung: Streik bei „Neupack“

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Tue May 21 16:24:20 CEST 2013


Beschäftigt man sich mit der Analyse der aktuellen kapitalistischen Gesellschaftssituation 
wird schnell deutlich, dass die klassischen Klassengegensätze zwar noch mit gleicher Härte 
zuschlagen wie noch vor hundert Jahren, gleichzeitig aber undurchsichtiger werden und in 
dem Bewusstsein der Menschen verschwinden. Genauso wie es den klassischen Arbeiter nur 
noch als Auslaufmodell gibt, gibt es auch den klassischen Boss nicht mehr. Konzerne 
gehören Aktiengesellschaften, die wieder anderen Aktiengesellschaften gehören. Geleitet 
werden diese Konzerne von ManagerInnen, die streng genommen auch Angestellte, also 
Lohnabhängige sind. Adorno hat unter anderem für diese Situation den Begriff der 
„klassenlosen Klassengesellschaft“ geprägt.

Bei der Firma Neupack allerdings, die ihren Hauptsitz in Hamburg und einen Ableger in 
Rotenburg bei Bremen hat, sind die Verhältnisse noch so wie zu der Zeit als Karl Marx noch 
über seine „Kritik der politischen Ökonomie“ grübelte. Die Firma besteht seit 1995 und ist 
seitdem im Besitz der Familie Krüger. Und auch die Art und Weise wie Familie Krüger die 
Geschäftspraxis gestaltet, lässt darauf schließen, dass man bei Neupack von Konzepten der 
modernen Unternehmensführung, wie „flacher Hierarchie“ und „interdisziplinärer Struktur“, 
noch nichts gehört hat oder haben will. So sind regelmäßige Lohnerhöhungen für die 
einfachen Beschäftigten ein Fremdwort. Besonders problematisch ist, dass die KollegInnen 
scheinbar völlig willkürlich bezahlt werden. Die einzige Gemeinsamkeit der Löhne, die die 
KollegInnen für die gleiche Arbeit bekommen, ist, dass sie weit unter den gängigen 
Tarifverträgen liegen. Eine Ausnahme sind die Angestellten, die teilweise sogar über Tarif 
bezahlt werden.

Bei Neupack werden Kunststoffverpackungen produziert, die beispielsweise als Joghurtbecher 
genutzt werden. Die wichtigsten AbnehmerInnen sind die Deutsche Milchkontor GmbH, die die 
Marke MILRAM produziert und die Heideblume Molkerei.

Seit dem 1. November 2012 stehen nun ca. 70 % der etwa 200 KollegInnen an den beiden 
Standorten im Streik. Die Forderung ist simpel: „Wir wollen einen Tarifvertrag“. 
Hauptverantwortlich für das Entstehen des Arbeitskampfes war Murat Günes. Dieser rüttelte 
seine KollegInnen wach und schaffte sich Gehör bei der Industriegewerkschaft Bergbau, 
Chemie, Energie (IG BCE), die dem Streik den offiziellen Rahmen gibt. Ob dies die beste 
Entscheidung war, muss allerdings abgewartet werden. Denn die IG BCE ist die wohl am 
meisten auf Sozialpartnerschaft ausgerichtete Gewerkschaft im DGB. So sagte ein IG BCE 
Funktionär auf dem Jour Fixe, dem Treffen der Gewerkschaftslinken in Hamburg, dass seine 
Gewerkschaft bei dem Konflikt Neuland betritt, da sie kaum Streikerfahrung haben. Daher 
fordert die IG BCE auch einen Haustarifvertrag, der auf nur 82 % des üblichen Tarifniveaus 
liegt, denn dies hat sie als „sozialverträglich“ für das Unternehmen errechnet.

Die Geschäftsleitung hat allerdings schnell gezeigt, was sie für „sozialverträglich“ hält: 
GewerkschaftsvertreterInnen wurden von Betriebsversammlungen ausgeschlossen, 
Sicherheitsleute patrouillieren mit Hunden auf dem Gelände, Gerichtsverfahren gegen 
Streikende und Gewerkschaft wurden eingereicht. Außerdem wurde eine polnische 
Leiharbeitsfirma beauftragt StreikbrecherInnen zu liefern. Die 29 StreikbrecherInnen 
halten zusammen mit den im Betrieb Verbliebenen einen Notbetrieb aufrecht. Darüber hinaus 
wurde mit Arne Höck (ehm. ROWA Group) ein erfahrener „Unionbuster“ ins Team geholt.

Derweil haben die Streikenden ein enormes Maß an Solidarität erfahren. Ihr Streikzelt ist 
durchgehend besetzt, Besuch ist immer gerne gesehen. Und immerhin ist es der längste 
Streik in der Geschichte Hamburgs.

Helga Wein


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