(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – Schneesturm, Strategie und Sexismus -- Die IWW trifft sich in Boston

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Mon May 13 16:13:19 CEST 2013


Quelle: http://ucblibrary3.berkeley.edu/Goldman/Documents/fx-2i.jpg ---- Alle zwei Jahre 
kommen die aktiven Organizerinnen und Organizer der Industrial Workers of the World (IWW) 
zusammen, um ihre Erfahrungen im Arbeitskampf, aus Kampagnen und ihre Strategien 
auszutauschen und voneinander für zukünftige Kämpfe zu lernen. Anfang Februar fand der 
diesjährige sogenannte Organizing Summit in Boston statt. Ein Schneesturm sorgte 
allerdings für Chaos, da die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr fuhren, das Befahren 
der Straßen verboten wurde und daher viele angemeldete TeilnehmerInnen, u.a. auch Noam 
Chomsky, nicht kommen konnten. Durch Improvisation wurde das Programm angepasst und das 
Privathaus einer der Koordinatoren der Veranstaltung spontan zum Tagungsort 
umfunktioniert, bei dem auch alle Teilnehmenden untergebracht wurden, da ihnen der 
Transport zu anderen Übernachtungsmöglichkeiten polizeilich untersagt wurde.

Trotz der widrigen Umstände konnte ein konstruktiver und erkenntnisreicher Austausch 
organisiert werden, bei dem in Kleingruppen und im Plenum, in Workshops und in Trainings 
über eine Vielfalt von Themen diskutiert wurde. Von der strategischen Planung von 
Kampagnen, über die wirksame Einbeziehung direkter Aktionen bis hin zur sinnvollen 
Organisierung von Zuliefererketten. Außerdem gab es formelle und informelle Treffen 
verschiedener Arbeitsgruppen, wie dem Netzwerk aller Organisierungskomitees im 
Lebensmittel- und Einzelhandelbereich, der Kommission für Internationale Solidarität, dem 
Organisierungskomitee der TrainerInnen und dem Komitee Widerstand gegen das Patriarchat in 
der IWW. Beim interaktiven Workshop zur direkten Aktion ging es vor allem darum, wie man 
ganz konkret den Boss davon abhalten kann, das zu bekommen, was er will, bis wir das 
erhalten, was wir wollen. Der Sieg ist dann wahrscheinlich, wenn es das Unternehmen mehr 
kosten würde Widerstand gegen unsere Kampagne aufrechtzuerhalten als Zugeständnisse zu 
machen. Beispiele hierfür sind nicht nur Besetzungen und die darauf folgende Umwandlung in 
Selbstverwaltung, sondern auch die Taktik des Sekundärdrucks. Hierzu gehört etwa das 
Einbeziehen von Zulieferer-Ketten, etwa indem man Geschäftspartner dazu bringt Lieferungen 
zu stoppen. Druck kann natürlich auch auf involvierte PolitikerInnen oder allgemein mit 
Hilfe der Öffentlichkeit ausgeübt werden. Die zentrale Frage hierbei ist, wie wir als 
Angestellte in einem Betrieb Macht aufbauen und Legitimation schaffen sowie Solidarität 
unter unseren KollegInnen entwickeln können.

STRATEGIE DES „SCALING UP“

Im Plenum wurden auch einige der „Vorzeige“-Kampagnen vorgestellt, etwa bei der weltweiten 
Kaffeehauskette Starbucks oder dem amerikanischen Sandwich-Franchise Jimmy John`s. Hierbei 
wurde auch über die Taktik des Scaling up gesprochen. Scaling up meint, die Kampagne über 
die Unternehmensgrenzen hinweg auf den gesamten Industriezweig auszuweiten. Das steht im 
Gegensatz zu Scaling down, wo der einzelne Betrieb oder die einzelne Niederlassung eines 
größeren Unternehmens im Mittelpunkt steht. Wenn jedoch in vielen verschiedenen 
Niederlassungen des selben Unternehmens organisiert wird, wird aus taktischen Gründen oft 
statt allein des IWW-Logos eher das Label einer „Unternehmensgewerkschaft“ benutzt, wie 
etwa im Falle der „Starbucks Worker‘s Union“, zur einfacheren Identifizierung für neue 
Mitglieder. Eine andere Möglichkeit des Scaling up ist die Organisierung eines ganzen 
Sektors. Innerhalb der IWW etwa, gibt es ein USA-weites Netzwerk für den Lebensmittel- und 
Einzelhandelsbereich, deren Mitglieder basisdemokratisch gemeinsame Strategien entwickeln 
und im regelmäßigen Austausch stehen, um koordinierte Aktionen auf die Beine zu stellen. 
Hierfür ist es wichtig, etwa durch Organizer-Trainings, immer wieder OrganizerInnen zu 
produzieren, was besonders in Franchiseunternehmen aufgrund der ähnlichen Problemlagen 
sinnvoll ist. In solchen Trainings lernt man, wie man strategisch organisiert, seine 
KollegInnen anspricht, Risiken antizipiert und im Kollektiv erfolgsgerichtet plant. Zur 
systematischen Verbreitung dieser Trainings gibt es ein eigens für diesen Zweck 
eingerichtetes Koordinationskomitee. Mittlerweile gibt es in fast jeder Ortsgruppe 
TrainerInnen. Dadurch wird an immer mehr Arbeitsplätzen in den USA, aber mittlerweile auch 
in Europa, Kanada und Australien organisiert, ohne dabei jedesmal bei Null anfangen zu müssen.

MITGLIED SEIN UND AUCH BLEIBEN

Durch erfolgreiche selbstgeführte Arbeitskämpfe wächst natürlich auch die Mitgliederzahl. 
Zumindest vorübergehend. Oft wurde jedoch die Erfahrung gemacht, dass beendete Kampagnen 
schnell auch das Ende der Mitgliedschaft einiger neuer Mitglieder bedeutet. Hierfür haben 
Ortsgruppen in Kalifornien ihre eigene Methode der Mitgliederbetreuung entwickelt, die sie 
mit den Anwesenden teilten. Hier ging es vor allem darum, wie man neue Mitglieder in die 
IWW einbindet und wie man die Mitgliedschaft durch politische Bildung und gemeinsame 
Freizeitaktivitäten attraktiver und sinnvoller gestaltet, so dass sich alle mit der IWW 
identifizieren können, gern auch zu Arbeitstreffen kommen und nach der Anmeldung auch 
langzeitlich aktiv bleiben. Sinn und Zweck dieses Gruppenbildungsprozesses ist es, die IWW 
kontinuierlich qualitativ und quantitativ aufzubauen und zu stärken. Es ist wichtig, dass 
die Mitgliedschaft den ArbeiterInnen einen Mehrwert gibt. Und zwar nicht nur ideologisch 
und sozial, sondern auch ganz konkret materiell. Viele Mitglieder sind zur IWW gekommen, 
weil sie sich der Basisgewerkschaftsbewegung, dem Anarchismus oder dem Syndikalismus 
ideologisch nahe fühlen. Doch die Erfahrung zeigt, dass diese Art der ideologischen 
Gemeinschaft nicht ausreicht, um emanzipatorisch und ganz konkret am Arbeitsplatz zu 
organisieren. Wichtig ist es auch durch direkte und strategisch geplante Aktionen 
materielle Vorteile zu verschaffen. Und zwar nicht nur für einen besseren Lohn und bessere 
Arbeitsbedingungen, sondern auch und vor allem für die Widerherstellung der Würde und die 
Erlangung des Respekts. Bei diesem Ansatz geht es vor allem um das Ziel, sich aus dem 
Sumpf der „Szene“ zu befreien und die Rolle einer emanzipatorischen Gewerkschaft ernst zu 
nehmen, die zu mehr fähig sein sollte als nur hoch theoretische Diskussionsrunden zur 
Verherrlichung der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert zu veranstalten - zu der sowieso 
nur die immer gleichen Verdächtigen kommen.

INKLUSION UND EXKLUSION IN DER GEWERKSCHAFT

Doch auch zum Organizing Summit kamen fast ausschließlich jene üblichen Verdächtigen. Der 
Großteil der Anwesenden waren weiße, studierte Mittelschichtjungs. Die meisten 
Anarchisten. Das ist natürlich an sich erstmal nicht schlecht. Wenn man sich jedoch 
überlegt, dass in den prekären, unterbezahlten Arbeitsplätzen, die sie organisieren, in 
den USA vor allem nicht-akademische MigrantInnen, People of Colour und Frauen 
überrepräsentiert sind, fragt man sich, warum diese auf der Tagung kaum zu sehen waren. 
Das wurde glücklicherweise des öfteren thematisiert und auch nach Auswegen aus dem 
Teufelskreis gesucht. Es scheint jedoch schwer zu fallen, ein Gleichgewicht zu finden 
zwischen gendergerechter Sprache und nicht zu akademischen Ausdrucksweisen. Kürzlich hat 
sich bezüglich des Genderthemas zumindest das „Patriarchy Resistance Committee“ gegründet, 
das das Machtgefälle zwischen Männern und anderen Geschlechtern aufzuheben sucht. 
Allerdings widmen sich hauptsächlich Frauen dieser anstrengenden und mühevollen Aufgabe, 
während Männer die wirklich spannenden Dinge verwirklichen, Verantwortlichkeiten 
übernehmen und sich als Organizer weiterbilden. Somit reproduziert sich noch einmal dieses 
ungleiche Verhältnis, da der Kampf gegen Sexismus Zeit und Kraft beansprucht, die sonst in 
die Aktivitäten investiert werden könnten, die die Männer derweil machen können. Bezüglich 
der „szene-fremden“ Menschen wurde jedoch leider nicht sehr viel gesagt. Bei der 
abschließenden Reflektionsrunde gab es jedoch einige Kommentare, die deutlich machten, 
dass viele ihre KollegInnen nicht zu so einer Veranstaltung wie dem Summit mitbringen 
würden, da sie sich nicht wohl, sondern ausgeschlossen fühlen würden in diesem 
Paralleluniversum der vegan-essenden, sich mit Geschlechtskodierungen anredenden und 
nahezu ausschließlich Englisch sprechenden Leute. Das Organizer-Training etwa gibt es bis 
heute nicht auf Spanisch, trotz der großen und wachsenden Anzahl lateinamerikanischer 
MigrantInnen in der Arbeiterklasse in den USA. Es ist interessant, wie die Art der 
Bemühungen eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der etwa alle Geschlechtsidentitäten 
sich willkommen fühlen, dazu führt, dass sich wieder andere, die diese Sprache nicht 
kennen, entfremdet und nicht dazugehörig fühlen und somit einmal mehr eine 
emanzipatorische Veranstaltung, die Menschen handlungsfähig macht, ohne sie stattfindet.

Myrto Adrianopoulou


More information about the A-infos-de mailing list