(de) NDR: Sachbuch des Monats 6/07: "ANARCHIE! Idee - Geschichte - Perspektiven"

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Thu Aug 30 09:17:53 CEST 2007


 

Buchtipps Sachbücher des Monats Juni 2007 Anarchie! Idee - Geschichte - 
Perspektiven Unermeßlich viele Bücher gibt es, die unser Wissen mehren 
und unser Denken weiten wollen - und ein paar davon sind sogar auch sehr 
gut. Die große Jury, die alle vier Wochen für den NDR und die 
Süddeutsche Zeitung die Sachbücher des Monats bestimmt, hat wieder ein 
paar lesenswerte gefunden: zum Beispiel 'Der Vesuv - Geschichte eines 
Berges' von Dieter Richter oder 'Energiesicherheit - die neue Vermessung 
der Welt' von Sascha Müller-Kraenner. Auf Rang eins aber steht Horst 
Stowassers Einführung in die Anarchie! Der 56-jährige Autor ist kein 
reiner Theoretiker. Er versucht, mit Gleichgesinnten in einem eigenen 
kleinen Projekt nach anarchistischen Prinzipien zu leben. Alexander 
Solloch hat das Sachbuch des Monats Juni gelesen.

 

'Element of Crime' - Bring den Vorschlaghammer mit!

Bring den Vorschlaghammer mit,

Wenn du heute abend kommst

Dann hauen wir alles kurz und klein!

 

Erschütternd, diese Rabauken, aber... das ist ja so in etwa die Vorstellung,

die wir alle auf Anhieb in uns finden: Anarchie, das ist doch Chaos, ist

doch Unordnung und Ausschweifung, kurz: etwas ganz und gar Abscheuliches!

 

Zitat: "Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft. Sie will

etwas ganz Neues schaffen: ein Leben, in dem die Freiheit der Menschen

obenan steht und nicht die Wirtschaft oder die Arbeit an sich. Das Dasein

soll auch Spaß machen. Alles, was getan und geändert werden muss, sollen die

Menschen - und zwar alle Menschen! - selbst organisieren. Das, was sie für

ein anständiges Leben brauchen, wissen sie selbst am besten und können es

auch sehr gut selbst entscheiden. Nicht der Herr, nicht die Wissenschaft

oder die Wirtschaft dürfen ihnen ihr Leben vorschreiben? Sie selbst sollen

es bestimmen...", schreibt nun aber Horst Stowasser. Ein bekennender

Anarchist, der mit seinem ziegelsteindicken Buch aufklären will: aufklären

über das, was Anarchie in seinen Augen ist und nicht ist, was sie leisten

kann und warum sie seiner Meinung nach eine dem Menschen sehr angemessene

Lebensform ist.

 

Zitat: "Lebendige Anarchie ist kein neues Regelwerk, sondern eine Idee, das

Leben freier zu gestalten. Leben aber ist nicht etwa nur Essen, Schlafen,

Wohnen, Arbeit oder soziale Organisation. Leben ist allumfassend, bunt,

vielfältig, kreativ..."

 

Ein sonderbares Buch: es regt auf, löst Kopfschütteln aus, und erregt möchte

der Leser rufen: so einfach geht das doch nicht! und das ist doch naiv! und

überhaupt...! Ja, es ist ein Buch, das einige Schwächen hat. Horst Stowasser

findet keine klare Position, will vordergründig beobachtender

Wissenschaftler sein und wird doch immer wieder Partei, wankt und schwankt

ohne Linie zwischen Konjunktiv und Indikativ, verliert sich bisweilen in

Geschwätzigkeiten - und doch: ein faszinierendes Buch, ein bereicherndes

Buch. Es bereichert, weil es zeigt, der Glaube an vermeintliche

Selbstverständlichkeiten kann ganz leicht erschüttert werden, wenn der

Mensch einfach mal Fragen stellt.

 

Zitat: "Das Potenzial möglicher Empörer ist unerschöpflich. Wohl jeder

selbstbewusste Mensch kennt diesen Zorn. Vielleicht haben auch Sie sich

schon einmal die Frage gestellt, wieso da eigentlich Menschen über Ihnen

sind, die Ihnen Anweisungen geben und über Ihr Leben und Ihre Zukunft

entscheiden dürfen: ein ganzes System der Hierarchie, von dem wir ja

schließlich wissen, dass es alles alles andere als gut funktioniert."

 

Es sind die Fragen, die das Buch so wertvoll machen, es ist das

Einfach-Mal-Drüber-Nachdenken: Mit welchem Recht erheben sich Menschen über

andere, um ihnen zu befehlen? Mit welchem Recht denken Menschen an den

schnellen Euro von heute und verhöhnen das Leben von morgen? Mit welchem

Recht zerstören Menschen die Erde? Der Anarchist schlägt vor: die

Hierarchien werden abgeschafft, die Menschen versuchen, in kleinen Gruppen,

vernetzt, nach ihrer Fasson, miteinander zu leben, nicht fremdbestimmt,

sondern nach dem Prinzip der freien Vereinbarung.

 

Zitat: "Das Leben selbst würde zu einem Kunstwerk: Kunst, Alltag, Freude,

Protest, Genuß, Provokation, Spontaneität, Kreation und Kommunikation - all

das ginge eine kaum noch entwirrbare Verbindung ein, die in der Lage wäre,

Grenzen zu sprengen. Die Natur kennt all das: Kooperation und Konkurrenz,

Tausch, Diebstahl und Geschenk, Verdrängungskampf und gegenseitige Hilfe,

Hierarchie, Solidarität und Freiräume. Die Natur regelt sich selbst, und

zwar mit großem Erfolg."

 

Schafft das auch der Mensch? Horst Stowasser kann es nicht beweisen - aber

er macht Lust auf den Gedanken, daß wir noch nicht alle Möglichkeiten der

Freiheit ausgeschöpft haben.

 

Die 'anarchistischen Essentials' sind schließlich nicht in einer

Studierstube entstanden, sondern entspringen dem realen Leben - und das seit

Tausenden von Jahren. Vor allem aber bleibt das Experiment. Vermutlich

werden wir erst dann wissen, ob der Mensch in Freiheit leben will und kann,

wenn man ihn lässt.

 

 

Sachbücher des Monats Juni 2007 in der Übersicht:

 

1. Horst Stowasser

29 Punkte

Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven

Edition Nautilus, 512 Seiten, EUR 24,90, sFr 41,70

 

2. Sascha Müller-Kraenner

28 Punkte

Energiesicherheit. Die neue Vermessung der Welt

Verlag Antje Kunstmann, 240 Seiten, EUR 19,90, sFr 33,80

 

3. Dieter Richter

27 Punkte

Der Vesuv. Geschichte eines Berges

Verlag Klaus Wagenbach, 224 Seiten, EUR 24,50, sFr 42,90

 

4.-5. Mario Bortolotto

25 Punkte

Wagner. Der Dunkle. Übersetzt von Nikolaus de Palézieux

Verlag Matthes & Seitz, 448 Seiten, EUR 39,80, sFr 67,00

 

4.-5. Amira Hass

25 Punkte

Morgen wird alles schlimmer. Berichte aus Palästina und Israel. Übersetzt

von Sigrid Langhaeuser

C. H. Beck Verlag, 213 Seiten, EUR 19,90, sFr 34,90

 

6. Glen W. Most

22 Punkte

Der Finger in der Wunde. Die Geschichte des ungläubigen Thomas. Übersetzt

von Kurt Nett und Regina Höschele

Verlag C.H. Beck, 315 Seiten, EUR 26,90, sFr 52,50

 

7. Mike Davis

21 Punkte

Planet der Slums. Übersetzt von Ingrid Scherf. Assoziation A

248 Seiten, EUR 20,00, sFr 33,90

 

8. Daniel C. Dennett

19 Punkte

Süße Träume. Die Erforschung des Bewußtseins und der Schlaf der Philosophie.

Übersetzt von Geron Reuter

Suhrkamp Verlag, 215 Seiten, EUR 24,80, sFr 42,50

 

9.-10. Karl Otto Hondrich

18 Punkte

Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere

Gesellschaft ist

Campus Verlag, 280 Seiten, EUR 19,90, sFr 34,90

 

9.-10. Amartya Sen

18 Punkte

Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. Übersetzt von

Friedrich Griese

Verlag C.H. Beck, 208 Seiten, EUR 19,90, sfr 34,90

 

 

Besondere Empfehlung des Monats Juni 2007 von Florian Rötzer: Fred Pearce,

Wenn die Flüsse versiegen. Übersetzt von Gabriele Gockel und Barbara

Steckhan, Verlag Antje Kunstmann, 400 Seiten, EUR 24,90, sFr 41,70

 

Die Jury:

 

Prof. Dr. Rainer Blasius, FAZ

Dr. Eike Gebhardt

Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung

Dr. Wolfgang Hagen, DeutschlandRadio Kultur, Daniel Haufler, TAZ

Dr. Otto Kallscheuer

Dr. Matthias Kamann, Die Welt

Petra Kammann, Guido Kalberer, Tages Anzeiger

Elisabeth Kiderlen

Jörg-Dieter Kogel, Nordwestradio

Hans Martin Lohmann

Prof. Dr. Ludger Lütkehaus

Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin

Dr. Johannes Saltzwedel, Der Spiegel

Wolfgang Ritschl, ORF Wien

Florian Rötzer, Telepolis

Albert von Schirnding

Norbert Seitz, Frankfurter Hefte

Dr. Eberhard Sens, Rundfunk Berlin Brandenburg

Hilal Sezgin

Dr. Volker Ullrich, DIE ZEIT

Dr. Andreas Wang, NDR Kultur

Dr. Uwe Justus Wenzel, Neue Zürcher Zeitung

 

Stand: 05.06.2007 10:14 Uhr

 

 

 

 

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"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."

 

Als Telefonzentrale hat Dienstag einen verantwortungsvollen Auftrag. Über

ihn läuft die Verständigung zwischen Emil, dem Professor, Gustav und den

Wachtrupps in den verschiedenen Teilen der Stadt. Dabei gefällt dem kleinen

Dienstag seine Aufgabe anfangs gar nicht. Er ist nämlich der Einzige, der zu

Hause vor dem Telefonapparat sitzen muss. Viel lieber wäre er vor Ort dabei

bei der Überwachung und Verfolgung des Herrn mit dem steifen Hut. Doch für

die Verbrecherjagd ist der kleine Dienstag einfach noch zu klein.

 

derkleinedienstag at jpberlin.de

www.kommunikationssystem.de 
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