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(de) FDA-IFA, Gai Dào #100 - Gustav Landauers Begriff der Utopie Von: Maurice Schuhmann

Date Mon, 15 Apr 2019 09:05:33 +0300


"Utopien, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre, Utopien zu schreiben."1 (Gustav Landauer) ---- Für die Geschichte des sozialistischen Denkens ist der Begriff "Utopie" zentral. So grenzte sich der marxistische Flügel des Sozialismus durch den vermeintlichen Rückgriff auf die Wissenschaft vom utopischen beziehungsweise Frühsozialismus ab. Beispielhaft steht hierfür der 1886 separat abgedruckte Auszug "Von der Utopie zur Wissenschaft" aus dem Werk "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" von Friedrich Engels, in dem dieser, die Anfeindungen aus dem "Kommunistischen Manifest" aufreifend, gegen die Frühsozialisten - allen voran das Triumvirat von Saint-Simon, Fourier und Owen interveniert.
Engels ignorierte dabei, dass bereits die Frühsozialisten, die
er als utopische Sozialisten abqualifiziert, allen voran Saint-
Simon, einen wissenschaftlich fundierten Sozialismus ver-
traten. Utopien haben nichtsdestotrotz einen wichtigen Stel-
lenwert im sozialistischen und auch im libertären resp.
anarchistischen Denken, und dies bis heute.
In dem Essay "Der Sozialismus und die Seele des Men-
schen" von Oscar Wilde findet sich der bekannte und
vielzitierte Ausspruch: "Eine Weltkarte, in der das Land
Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick"2. In
deutscher Sprache erschien jener Essay als gemeinsame
Übersetzung von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer
im Jahr 1904. Während bei Wilde der Utopie-Begriff sich
noch klassisch an dem, durch Thomas Morus geprägten,
geistesgeschichtlich auf Platons Atlantis-Mythos3 zurück-
reichenden Konzept orientiert, d.h. Utopie im Sinne eines
nicht-existierenden Ortes4 versteht, beginnt mit Landauers
Schrift "Die Revolution" (1907)5 ein Umdenken über Utopie
und Utopianismus. Die Schrift entstand auf Drängen seines
Freundes und späteren Nachlassverwalters Martin Buber.
Landauer begründete mit dieser Schrift den ‚intentionalen‘
Utopiebegriff, d.h. ein Utopieverständnis, das sich von
Thomas Morus und seinem Verständnis von Utopie löst und
stattdessen eine sozialtransformerische Perspektive der
Utopie fokussiert.6 Landauer, der "Philosoph der Utopie"
(Ruth Link-Salinger), kannte zwar das Werk von Thomas
Morus sehr gut, wie seine Thematisierung von Autor und
Buch in "Die Revolution" zeigt (R, 68f), aber er nimmt nicht
einmal direkt auf Morus Bezug, wenn er seinen eigenen
Utopie-Begriff entwickelt.
Landauer hat sich zwar bereits zuvor - sei es in seinem,
vom Denken Friedrich Nietzsches stark geprägten Debüt-
roman "Der Todesprediger" (1893) oder in kleineren poli-
tischen Texten - mit dem Begriff und dem Konzept der
Utopie beschäftigt, aber die letztendlichen Konsequenzen
daraus finden sich erst in der Schrift "Die Revolution". Die
"Utopie" ist dabei ein Schlüsselbegriff zum Verständnis
seiner Geschichtsphilosophie.

In Landauers Geschichtsphilosophie stellt sich die Geschi-
chte als ein ständiger Prozess des Übergangs zwischen
einzelnen Topien dar. Unter einer Topie versteht er: "[Ein]
allgemeine[s]und umfassende[s]Gemenge des Mitlebens
im Zustand relativer Stabilität" (R, 12). Die Topie um-
schließt sowohl positive als auch negative Facetten: "Die
Topie schaffte allen Wohlstand, alle Sättigung und allen
Hunger" (R, 12). Dieser Zustand ist zwar relativ stabil,
kommt aber auch ins Schwanken - durch eine Utopie,
sofern diese genügend Anhänger*innen findet, wobei die
Utopie sich aus den Überschneidungen der heterogenen
Bestrebungen von Individuen zusammensetzt. Die Utopie ist
eine Reflexion über Missstände und präsentiert ein Gegen-
modell, worin diese Missstände behoben sind. Landauer
umschreibt dieses Konzept mit den Worten: "Unter Utopie
verstehen wir ein Gemenge individueller Bestrebungen und
Willenstendenzen, die immer heterogen und einzeln vor-
handen sind, aber in einem Moment der Krise sich durch
die Form des begeisterten Rausches zu einer Gesamtheit
und zu einer Mitlebensform vereinigen und organisieren: zu
der Tendenz nämlich, eine tadellos funktionierende Topie zu
gestalten, die keinerlei Schädlichkeiten und Ungerechtig-
keiten mehr ins sich schließt." (R, 13) Dabei ist ihm klar,
dass die Utopie nicht vollständig realisiert wird. "Die Utopie
ist also die zu ihrer Reinheit destillierte Gesamtheit von
Bestrebungen, die in keinem Falle zu ihrem Ziele führen,
sondern immer zu einer neuen Topie." (R, 13) Später kon-
kretisiert er noch: "Jede Utopie[...]setzt sich aus zwei Ele-
menten zusammen: aus der Reaktion gegen die Topie, aus
der sie erwächst, und aus der Erinnerung an sämtliche
bekannte frühere Utopien." (R, 15) Inwiefern diese früheren
Utopien dabei eine Rolle spielen, wird von ihm leider nicht
weiter ausgeführt.
Den Übergangsprozess von einer Topie zur nächsten
beschreibt Landauer als "Revolution", d.h. die Revolution an
sich ist lediglich die Übergangsphase, in der sich eine neue
Topie im Sinne einer ehemaligen Utopie herauskristallisiert.
Dementsprechend schreibt er über die Revolution: "Was also
von der Revolution bisher angedeutet wurde und jetzt wei-
terhin gesagt wird, ist Weg und will nichts andres sein als
Wegbereitung, kann auch nichts andres sein." (R, 28)
Die Utopie wandelt sich somit zur Topie - und verliert
damit natürlich auch ihren "utopischen" Charakter. "Die
Utopie also wird überhaupt nicht zur äußern Wirklichkeit,
und die Revolution ist nur das Zeitalter des Übergangs von
einer Topie zur anderen" (R, 17).
Für Landauer folgen aus dem bereits gesagten zwei Gesetze:
1. "Auf jede Topie folgt eine Utopie, auf diese wieder eine
Topie, und so immer weiter." (R, 13)
2. "Die praktischen Erfordernisse des Mitlebens während
der Epoche des revolutionären Aufruhrs und Übergangs
bringen es mit sich, daß in der Form der Diktatur, Tyrannis,
provisorischen Regierung, anvertrauten Gewalt oder ähnli-
chem sich während der Revolution die neue Topie bildet."
(R, 16)
Was den Prozeß der Revolution auszeichnet, ist somit zu-
nächst lediglich die Ablösung eines temporär statischen
Zustandes durch einen anderen. Es handelt sich dabei um
jenen Prozess, den Max Stirner bereits in "Der Einzige und
sein Eigentum" als Abfolge von sich konstatierenden
Herrschaftsstrukturen kritisiert.7 Im Gegensatz zu ihm ist
Landauer Optimist und sieht in der Utopie eine Triebfeder
positiver, gesellschaftlicher Veränderung. Utopie ist damit
nicht mehr eine bloße Träumerei oder Vision und auch nicht
nur ein Kompass für eine künftig zu errichtende Gesell-
schaft, sondern eine antizipierte, zukünftige Topie - sofern
genügend Menschen sich an der Realisierung beteiligen.
Landauer geht nicht soweit in seiner Geschichtsphilosophie,
wie es einst der von Landauer auch thematisierte, preuß-
ische Staatsphilosoph Hegel tat, als dieser das Streben der
Geschichte hin zur Verwirklichung der Freiheit postulierte,
aber ein wenig erinnert seine historische Betrachtung
daran. Gleichwohl zeigt Landauer den emanzipatorischen
Charakter von Utopien und ihre Bedeutung für eine Ver-
änderung der bestehenden Gesellschaft auf. Zugleich
entzaubert er ein Stück weit den fetischisierten Mythos der
"Revolution", der bis heute das linke und anarchistische
Denken maßgeblich prägt. Die Revolution ist nicht mehr
das Ziel, sondern lediglich der Weg dorthin.
Landauer beeinflußte mit seiner Deutung von Utopien u.a.
den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber ("Pfade
in Utopia") sowie Robert Jungk, einen der wichtigsten
Vertreter der Futurologie in Deutschland, und bereitete mit
seinem Konzept von Utopie den Weg für die neomarxis-
tischen Forschungen von Ernst Bloch ("Das Prinzip
Hoffnung") und den soziologischen Utopie-Begriff von Karl
Mannheim ("Ideologie und Utopie").

1 Gustav Landauer: Der Todesprediger. In: Ders.: Wortartist.
Ausgewählte Schriften Bd. 8. Hg. von Siegbert Wolf.
Lich/Hessen 2014[1893], S. 31-144, hier S. 127.
2 Oscar Wilde: Der Sozialismus und die Seele des Menschen.
Ein Essay, übersetzt von Gustav Landauer und Hedwig
Lachmann. Zürich 2004, S. 35.
3 Vgl. Platon: Kritias. Ein Fragment. In: Ders.: Sämtliche
Dialoge Bd. VI. Hamburg S. 188-214.
4 Der Begriff "Utopie" setzt sich aus "ou" (nicht) und "topos"
(Ort) zusammen.
5 Gustav Landauer: Die Revolution. Frankfurt am Main
1907. Im Folgenden zitiert mit der Sigle "R" und Seitenzahl
im Text.
6 Vgl. z.B. Rüdiger Graf: Die Mentalisierung des Nirgendwo
und die Transformation der Gesellschaft. Der theoretische
Utopie-diskurs in Deutschland 1900-1933. In: Wolfgang
Hardtwig: Utopie und politische Herrschaft im Europa der
Zwischenkriegszeit. München 2003, S. 145-173.
7 Vgl. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Freiburg
/ München 2009, S. 319.
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