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(de) Die Realitäten zerstückelt, die Männer entmannt, alle Konventionen gebrochen und eine Menge Essen verschlungen Von: Simone

Date Thu, 11 Jan 2018 08:23:39 +0200


Filmempfehlung zu: Sedmikrasky (engl. "Daisies", dt. "Tausendschönchen"; 1966) von Vera Chytilová ---- Als "Prager Frühling" wird von den westlichen Medien die gesellschaftliche Veränderungs- und Aufbruchsbewegung in Tschechien und der Slowakei 1968 bezeichnet. Die Kommunistische Partei ist nach schweren inneren Machtkämpfen auf einen Reformkurs eingeschwenkt und wollte einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" verwirklichen. Dazu kam es allerdings hauptsächlich, weil eine starke Bewegung aus verschiedenen Gruppierungen eine Liberalisierung und Demokratisierung der sozialistischen Gesellschaft einforderte und es nicht zuletzt auch immer wieder zu wirtschaftlichen Krisen kam, die bei gleichzeitigem kulturellem Aufbruch zu großer Unzufriedenheit führten. Das Jahr 1968 - welches sich dieses Jahr zum 50. Mal jährt - war ein Jahr internationaler Revolten und Umbrüche, nicht nur ein Pariser Ereignis. In der BRD und Italien gab es noch die ganzen
Altfaschist*innen in den Institutionen wie Uni, Schule,
Stadtverwaltung, Ministerien usw. und die Frage kam auf, wie sich die
eigenen Eltern im Krieg verhalten hatten. In den USA gab es die
Bürgerrechtsbewegung und militante Auseinandersetzungen für die
Rechte von rassistisch unterdrückten Gruppen sowie die Ablehnung
des schrecklichen Vietnamkrieges. In den osteuropäischen Ländern
wiederum waren nach 1961 eigentlich eine politische "Ent-
Stalinisierung" und wirtschaftliche Reformen versprochen worden.

Diese wurden nur halbherzig bis gar nicht angegangen, denn die alten
Genossen Polit-Kader klammerten sich vehement an ihre Posten.
Dann kam jedoch die dissidente Opposition zum Zuge und läutete die
notwendigen Veränderungsprozesse ein. Ende August 68 wurde die
CSSR dann von einer halben Million Soldaten des Warschauer Paktes,
angeführt von der Sowjetunion, besetzt. Es war die größte
Militäroperation seit 1945, die dennoch auf massiven zivilen
Widerstand stieß, welcher es äußerst schwer machte, die Regierung
abzusetzen und letztendlich durch eine Moskau-treue und
stalinistische zu ersetzen. Selbstverständlich kam es zu einem
internationalen Aufschrei, aber nicht mehr. Doch die tiefen
Erschütterungen, welche die militärische Niederschlagung der
umfassenden Reformbewegung auslösten, hielten an...

Im Folgenden soll nun der avantgardistische Film "Sedmikrasky" von
1966 besprochen werden. Den historischen Kontext zu diesem
darzustellen ist wichtig, um die tiefgreifende Kritik des Films zu
verstehen. Sie entwickelte sich in einer bestimmten gesellschaftlichen
Situation, hat aber bis heute in vielerlei Hinsicht noch ebenso ihre
Notwendigkeit und Berechtigung. "Sedmikrasky" oder "Daisies", gilt
als Hauptwerk der "Tschechischen Neuen Welle", wurde direkt nach
seinem Erscheinen verboten und dessen Regisseurin Vera Chytilová,
die sich offen gegen jede Zensur aussprach, bis 1975 mit einem
Veröffentlichungs-Verbot belegt. Zu Beginn sehen wir in der ersten
Szene die zwei jungen Protagonistinnen, die beide Marie heißen. Sie
sind in einer Art mechanischen Starre gefangen, wie auch das System
in dem sie lebten verkrustet ist. Die Welt in der sie leben ist
verdorben und ruiniert, stellen sie fest. Wenn dem so ist, so
beschließen sie, wollen sie ebenfalls verdorben sein -
beziehungsweise immer verdorbener werden. Denn fortan entspinnt
sich zwischen den beiden eine Art Wettbewerb, wer sie beide mehr
ins Verderben reitet. Sie finden sich auf einer Wiese wieder, hüpfen
und tänzeln sehr ausgelassen um einen Apfelbaum herum. Äpfel
spielen auch weiterhin eine Rolle und der Hinweis auf den biblischen
Baum der Erkenntnis, nach dessen Genuss die Menschen aus dem
Paradies ausgeschlossen und in die Verlorenheit der Welt geschickt
werden, lässt sich nicht verkennen.

Im Folgenden gehen die beiden Maries einem ganz eigenem Hobby
nach, dass sie immer weiter entwickeln und exzessiv steigern: Sie
verabreden sich unter falschen Namen einzeln mit deutlich älteren
Männern in Restaurants. Die andere Marie stößt dann stets scheinbar
zufällig hinzu, nimmt die Gesprächsführung in die Hand und bestellt
unheimlich viel Essen auf Kosten des Gönners. Das Ganze geht so
lange, bis beide den jeweiligen sugar daddy zum Zug bringen, wobei
sie sicherstellen müssen, das er fährt und sie ihn nicht begleiten.
Dabei nehmen sie zunächst ganz die gesellschaftliche Rolle des
jungen, unschuldigen, naiven und sexuell verfügbaren Mädchens an,
nur um daraufhin komplett mit diesem Korsett zu brechen und die
Typen mit ihren lächerlichen gesellschaftlichen Konventionen und
patriarchalen Vorstellungen vollständig bloßzustellen. Ihre Verehrer
sammeln sie und kleben Erinnerungen an sie wie vieles andere an die
Wände in ihrem Zimmer, das bald einer einzigen Collage gleicht.

Über das Begehren der Männer machen sie sich lustig, entsprechen
diesem nie, sondern entziehen sich stattdessen um ganz ihren eigenen
Bedürfnissen zu folgen. Und die bestehen nicht in heterosexuellem
Sex oder der Rolle einer eingezwängten Ehe- und Hausfrau. Vielmehr
wollen sie Essen, Trinken, sich in einem Schwimmbad sonnen und
langweilen, in ihrem Zimmer streiten, sowie Chaos verursachen um
die verdorbene Welt selbst auf den Kopf zu stellen. Während sie zu
Hause am Telefon einem ihrer Verehrer lauschen, der sich in
romantische Rage schwafelt, zerschneiden sie mit Scheren Würste,
Gurken, Eier und Bananen. Sie treiben sich weiter in der Welt herum,
zerschneiden diese und sich selbst in einer Szene und befinden sich
wie in einer Traumwelt auf einem Boot im See. Ihr Hunger nach was?
- nach einem befreiten Leben ohne unterdrückerische und
ausbeuterische gesellschaftliche Verhältnisse und Konventionen? -,
treibt sie schließlich an einen höchst geheimen Ort, von dem man
annehmen kann, es handelt sich um ein Festessen für die Staats- und
Parteiführung...

Im Spielfilm "Sedmikrasky", der von Vera Chytilová vor mehr als 50
Jahren mit den Laien-Schauspielerinnen Jitka Cerhová und Ivana
Karbanová in den zwiespältigen Hauptrollen gedreht wurde, arbeitet
die Regisseurin mit bunten wechselnden Film-Filtern, schwarzweiße
Szenen wechseln sich mit Farbfilm ab, zwischengeschaltete rasende
Diashows werden mit anregender musikalischer Untermalung
präsentiert. Teilweise brechen die einzelnen Szenen abrupt ab und
führen in ganz andere unerwartete Situationen hinein. Die
Zuschauenden werden somit zum Staunen verdammt und ebenso
passiviert wie gleichzeitig mitgerissen, wie jene verdutzt
herumstehenden Personen im Film selbst. In ihren sozialen Rollen
wirken alle Beteiligten furchtbar albern, eben weil die beiden Frauen
mit den auf sie auferlegten Erwartungen provozierend brechen. Die
offensichtliche und konfrontative Kritik am Patriarchat bleibt dabei
kein singuläres Thema, sondern verweist auf die Ablehnung einer
verkrusteten, langweiligen und repressiven Gesellschaft insgesamt
sowie spezieller ihrer herrschenden parteibürokratischen Klasse von
alten Säcken.

Weil die Gesellschaftskritik dermaßen künstlerisch und
avantgardistisch verarbeitet wird, reicht sie meines Erachtens viel
tiefer als die mahnenden Worte von mehr oder weniger dissidenten
Intellektuellen im sogenannten Ostblock, die beispielsweise eine
größere Pressefreiheit forderten. Während jene in einer zeitweiligen
"kritischen Öffentlichkeit" das Thema "Entfremdung" gegen
Widerstände auch in der sozialistischen Gesellschaft besprechen
wollten, bricht Chytilová mit allen Konventionen. Stattdessen geht sie
von einem vollständig entfremdeten Zustand aus, wenn junge Frauen
wie irgendwelche Puppen in Puppenhäuser gesperrt werden und
aufgezwungenen Rollenerwartungen entsprechen sollen - wie wir es
ja im Grunde genommen alle zu dem Grad tun, zu welchem wir heute
täglich die staatlich-kapitalistisch-patriarchale Gesellschaftsordnung
mittragen und reproduzieren.

Die sexuelle Befreiung spielte in der Achtundsechziger-Bewegung
eine wichtige Rolle, weil sie sich nicht zuletzt auf der Einsicht
gründet, dass die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche
nicht auf einen vermeintlichen Zeitpunkt nach der Revolution verlegt
werden darf. Im Gegenteil: die Versuche zur wirklichen Erfüllung
eigener Wünsche und Bedürfnisse stellen unter entfremdenden
kapitalistischen oder staatssozialistischen Verhältnissen revolutionäre
Akte dar, wenngleich sie ihr revolutionäres Potenzial verlieren, wenn
sie nur individualisiert vollzogen werden und nicht kollektiv.
(Abgesehen davon entsteht Entfremdung durch die Struktur der
(modernen) Gesellschaft insgesamt und kann deswegen nur mit
dieser zusammen überwunden werden und nicht mit LSD-Trips,
Weltreisen, Waldhütten oder dergleichen...) Die Umgangsweise der
beiden Maries in "Sedmikrasky" steht jedenfalls dafür, dass sexuelle
Befreiung keine Befreiung zum (heterosexuellen) Geschlechtsverkehr
bedeuten muss, wie von manchen "Achtundsechzigern"
problematischerweise angenommen wurde, sondern stattdessen
gerade selbstgewählte Enthaltsamkeit bedeuten kann. Die Erfüllung
der Wünsche und Forderungen Anderer liegt nicht im Interesse der
Maries. Dafür gehen sie einfach ihrem eigenen Hunger nach - sei es
möglicherweise der Hunger im übertragenen Sinne nach einem
selbstbestimmten Leben oder doch einfach der nach Torten und
Braten...

"Sedmikrasky" ist unbedingt zu empfehlen, auch wenn,
beziehungsweise sogar vielleicht weil er 50 Jahre alt ist. Er bringt
antiautoritäre und feministische Gesellschaftskritik auf verfremdende
und urkomische Weise in diese verdorbene Welt der Herrschaft, in
der wir für die Selbstverständlichkeit einer erfüllten Existenz für alle
kämpfen sollten, die einen Drang danach haben, ihr Leben voll und
ganz zu spüren und auszukosten...

Ihr findet den Film auf Tschechisch mit englischen Untertiteln auf
einem bekannten kommerziellen monopolistischen Internetportal
oder auf der Festplatte von Kunst-Liebhaber*innen.
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